Genesis - Nursery Cryme (1971)

21.08.2015 15:57

Veröffentlichung: 1971

Genre/ Stil: Progressive Rock

 

Besetzung:

Peter Gabriel - Gesang, Querflöte

Tony Banks - Keyboards

Mike Rutherford - Bass

Phil Collins - Schlagzeug, Gesang

Steve Hackett - Gitarre

 

Titelliste:

1. The Musical Box

2. For Absent Friends

3. The Return Of The Giant Hogweed

4. Seven Stones

5. Harold The Barrel

6. Harlequin

7. The Fountain Of Salmacis

 
 

War Trespass 1970 bereits ein Quantensprung vom oft unter dem Mantel des Schweigens gehaltenen Debutalbum, so steigert sich die Band ein Jahr später mit diesem Album einmal mehr. Nursery Cryme hat in vielerlei Hinsicht eine Art Sonderstellung im Schaffen von Genesis. Dieses mal sind zwei neue Mitglieder an Bord. Stephen Hackett, ein äußerst melodisch spielender Gitarrist mit einem ureigenen Sound und Philip Collins, ein Yes- und Jazz-beigeisterter Drummer, der die Band in den nächsten Jahren noch weitaus mehr prägen sollte als zu dieser Zeit angenommen. Beide übertrumpften ihre Vorgänger um Weiten und machten dieses Album und Genesis im Allgemeinen natürlich erst zu dem, was es damals war. Der eindeutige Beweis dafür liegt mit der The Knife Version von Genesis’ erstem Live-Album vor.

Wie jedes Werk der Gabriel-Phase ist Nursery Cryme absolut einzigartig, durch und durch gelungen und vollkommen typisch für die Band um diese Zeit. Folkig, sehr englisch, etwas heavier als sein Vorgänger (und auch als sein Nachfolger), roh, märchenhaft, schöngeistig, trotzdem komplex und durchzogen von vielen liebevollen Details. Die Texte sind skurril bis mystisch und geben den Eindruck, dass sich Gabriel damals einige bewusstseinserweiternden Substanzen eingeworfen haben muss. Hier ist die Rede von fleischfressenden Pflanzen, Mord durch Croquetschlägel Salmacis und Hermaphroditos; Textzeilen wie „my love I hope you’ll be always by my side“ oder „she seems to have an invisible touch, yeah“ sind noch weit entfernt. Äußerst sympathisch ist mir dabei auch der Eindruck einer Truppe junger Langhaarollies vorm inneren Auge, die meinten, mit ihrer Musik die Welt verändern zu können. Hier ist alles unvoreingenommen, frisch und auf eine starke Art und Weise unerfahren. Und so sehr diese Langhaarollies doch in ihrer Welt lebten; sie haben mit ihrer Musik die Welt verändert. Was wäre der Progressive Rock ohne Werke wie  Firth Of Fifth ? The Musical Box? Supper’s Ready??? Bands wie Spock’s Beard, Dream Theater, Marillion würden wohl nicht mal existieren.

Umso unglaublicher ist, was diese 5 Jungspunde auf die Beine gestellt haben, wenn man bedenkt, dass zum 1971 keiner dieser Jungs älter als 21 war. Deutete Trespass bereits ein paar der typischen Genesis-Trademarks an, so sollten diese auf Nursery Cryme verstärkt und ausgereifter in die Musik eingebracht werden. Gleiches geschah natürlich auch ein Jahr später mit Foxtrot und zwei Jahre später mit Selling England, mit welchen Genesis ihre absoluten Meisterwerke schufen.

Nursery Cryme, hingegen, gibt sich längst nicht so abgeklärt wie seine Nachfolger und scheint in seiner schwelgerischen, märchenhaften Art wie aus einer geheimnisvollen anderen Welt. Von den zwar noch nicht so ausgereiften, aber trotzdem hochkarätigen und komplexen Kompositionen her legt das Album eine klare Basis für das, was noch kommen sollte und wartet schonmal mit ein paar unvergesslichen Klassikern auf.

 

Das eröffnende The Musical Box ist bereits einer dieser Klassiker. Zum ersten mal überschreiten Genesis hier die 10 Minuten Marke und werfen einem gleich ein Meisterwerk allererster Güte um die Ohren, vollgestopft mit wunderbaren Ideen, einem skurrilen Text, instrumentalen Großtaten und  - für einen 21-jährigen - unglaublich reifen und variablen Gesang. Der Anfang klingt in der Tat beinahe wie eine Spieldose. Der Song nimmt sich fast vier Minuten Zeit um Fahrt aufzunehmen. Nach der ruhigen, klimpernden Einleitung riffen Orgel und Gitarre um die Wette. Daraufhin darf Neuzugang Steve Hackett zeigen, was er drauf hat und warum Bassist Rutherford mit dem Versuch ihn zu ersetzen sechs Jahre später einen großen Fehler beging. Auch Mr. Collins hinter den Kesseln zeigt, an was es Trespass gefehlt hatte. Das Finale des Songs ist daraufhin schlicht wundervoll und treibt einem regelmäßig Schauer über den Rücken. Gabriel singt mit derartiger Inbrunst, wie man es von einem 21 jährigen Kiffer niemals erwartet hätte. Hacketts Gitarre singt triumphierend. Collins’ Schlagzeug wummert und treibt. Banks spielt wunderbare Akkordprogressionen. Das ist schon absolut großes Kino. Und auch hier kann man wieder nur sagen: Dafür hört und liebt man Genesis.

Auch der Text klingt wie ein Prototyp der typisch-krafkaesquen Geschichten, wie man sie in den folgenden vier Jahren von Gabriel immer wieder zu hören bekommt. Es scheint sich um zwei Kinder (!) zu handeln, die gemeinsam Croquet spielen, woraufhin Cynthia Henry mit dem Schläger den Kopf abhaut. Richtig gelesen. Daraufhin findet sie in Henrys Zimmer seine geliebte „Musical Box“, aus welcher der Old King Cole ertönt und Henry als Geist erscheint. Henry altert sehr schnell und ist daher gezwungen die sexuellen Erfahrungen eines ganzen Lebens in wenigen Momenten zu machen. Als die Krankenschwester den Lärm hört, kommt sie in den Raum und wirft die Musical Box auf Henry und Cynthia, woraufhin sie beide zerstört werden. So jedenfalls die Erklärung zu dem Song. Diese Story lässt natürlich einiges an Interpretationsspielraum zu, und man fragt sich, was dem jungen Peter damals eigentlich durch den Kopf ging. Doch die Art, wie er das Finale des Songs darbietet, reicht als Beweis, dass er tatsächlich hinter seinen Worten steht, als sei er selbst Henry.

 

For Absent Friends (was für ein wunderbarer Name) ist daraufhin wie ein Intermezzo, kürzer als 2 Minuten, nur instrumentiert durch etwas Akustikgitarre und Keyboards. Und hier zeigt auch Phil Collins, dass er nicht nur ein wahnsinniger Drummer ist, sondern auch ganz hübsch singen kann. Er verfeinert das gesamte Album darüber hinaus mit Backgroundgesängen, die mit Gabriels Stimme sehr gut harmonieren. Im Leadgesang ist er noch sehr zurückhaltend und weit entfernt von selbstbewusst vorgetragenen, eindringlichen Stücken wie Mama oder Dodo/ Lurker. Trotzdem ist seine Stimme bereits deutlich als seine Stimme zu erkennen.

For Absent Friends scheint von einer Beerdigung zu handeln; es ist ein kurzes liebliches Abschiedslied für „friends not there“. Ich persönlich habe diesem Song sehr ins Herz geschlossen, da er einerseits eine so wunderbar spontan und britisch beschriebene Momentaufnahme, andererseits aber auch so ein gefühlvolles, zartes Abschiedschiedsliedlein ist. Zudem bleibt es für immer der historische Moment, in dem der kleine Phil zum ersten mal hinter seinen Kesseln hervorkam und ein Liedchen gesungen hat. Niemand konnte damals ahnen, was noch kommen würde.

 

The Return Of The Giant Hogweed schließt für mich vom Stil her an The Knife von Trespass an. Ein heavier Shuffle, starker Gesang von Gabriel, riffende Orgel. Und ein Text, bei dem man mal wieder nicht weiß, was man von ihm halten soll. Gabriel singt über ein viktorianischen Entdecker, der das Hogweed in Russland gefunden und nach London gebracht hatte. Das gefiel dem Kraut allerdings gar nicht gut, sodass eine fürchterliche Rache folgte. Was folgt, sind Ausrufe wie „waste no time“, „ turn and run“, „strike by night“ und „we must destroy them“, die den Eindruck eines tatsächlichen Kampfes machen.

Wie bei The Musical Box wird diese obskure Geschichte musikalisch unterstützt durch eine recht heftige Gangart, die bei Genesis in den folgenden Jahren alles andere als Gang und Gebe war. So könnte man Nursery Cryme vielleicht als das „härteste“ aller Genesis-Alben bezeichnen. Ab ca. der Hälfte wechselt die Stimmung mit einem Pianointerludium, welches über mehrere Minuten ausgebaut wird. Der Abschluss ist dann furios und hektisch. Die Menschheit scheint gegen die „Mighty Hogweeds“ verloren zu haben.

Trotz, dass The Return Of The Giant Hogweed ein hochinteressantes Stück ist, dem es im Prinzip an nichts fehlt, trifft es meinen persönlichen Geschmack längst nicht so, wie es The Musical Box oder The Fountain Of Salamis taten. Trotzdem ist zu diesem Lied auch die Version von Transatlantic sehr interessant zu hören. Hierbei handelt es sich meiner Ansicht allerdings eher um ein Cover der Liveversion von 1973.

 

Seven Stones scheint nach Banks’ eigener Aussage von den zeitgenössischen King Crimson beeinflusst zu sein. Diese hatten zu dieser Zeit gerade, so sagt man gern, den Progressive Rock erfunden und mit ihrem Debutalbum In The Court Of The Crimson King viele andere Bands beeinflusst - wie auch Genesis. Und so hört man in Seven Stones Orgel, einen schleppenden Groove, traurige, mystische und irgendwie doch triumphierend-bombastische Akkorde, erzeugt durch - wie soll es auch groß anders sein - ein Mellotron, welches sich Tony damals von King Crimson geliehen hatte. Tatsächlich gibt es kleine Ähnlichkeiten zu Songs wie Epitaph oder In The Wake Of Poseidon, besonders in den „Aaaaah“-Teilen. Die Stimmung hingegen ist allerdings eine andere. Die Geschichte über einen alten Segler passt herrlich zum schwebenden Mellotronteppich, Gabriel ist natürlich viel mehr ein Erzähler als es Greg Lake war und es entsteht mehr der Eindruck einer Ballade. Seven Stones ist im Großen und Ganzen ein ganz wunderbares Stück Musik, das mit seiner erzählerischen aber doch bestimmten Art auch gut auf Trespass gepasst hätte. Banks und co. beweisen hier, dass man für ein bombastisches Stück Musik nicht unbedingt ein Orchester im Rücken braucht, wie es andere Bands wie Procol Harum, The Moody Blues oder auch Renaissance damals handhabten.

 

Genesis sahen sich nie auf einer Höhe mit den Kollegen Yes oder King Crimson. Sie sahen sich humorvoller, anders, sich weniger in technischem Gegniedel verlierend. Dennoch sprach die Presse diese Bands in einem Atemzug aus - wogegen sich Genesis wehrten, und dazu gern mal einen Song wie Harold The Barrel zu Rate zogen. Sie hatten doch schließlich Humor und sahen alles nicht so bierernst, wie beispielsweise ein gewisser Herr Fripp.

Als Außenstehender erscheint die Musik von Genesis jedoch schon sehr bedacht, mystisch, ausgetüftelt und oftmals sehr melancholisch, wenn man mal an einen Song wie The Cinema Show denkt. Was die Band dann allerdings mit einem Harold The Barrel erreichen wollte, erschließt sich einem ohne dieses Hintergrundwissen nicht unbedingt.

Musikalisch scheint dieser Song noch aus den 60ern zu sein, ohne an das unsägliche Genesis-Debutalbum zu erinnern, mit ein paar Anleihen an die späten Beatles-Songs und gespickt mit einigen witzigen Gimmicks. Phil Collins groovt herrlich. Star ist hier natürlich Gabriel, der mit seiner variablen Stimme aus der Sicht von insgesamt mehr als 10 (!) Personen singt. So richtig durchschaue ich nicht, worum es in der Geschichte von Harold The Barrel geht, aber Verse wie „[…] cut off his toes and he served them all for tea“ oder „Your shirts all dirty and there's a man here from the BBC“ zeugen von einer skurrilen, wie auch englisch anmutenden Kurzgeschichte, wie sie ein Kafka wohl kaum hätte besser verfassen können. Und musikalisch überzeugt mich dieses Kleinod auch. Nicht so ernst nehmen!

 

Harlequin ist ein wunderbar durch Gitarre, Flöte und etwas Keyboard vertontes Gedicht, an dessen Vortrag meine Englischlehrerin in der Schule ihre helle Freude gehabt hätte. So schöne Worte, malende Verse, extrem englisch und trotzdem schwebt eine ganz leichte Hippie-Attitüde mit und ich fühle mich komischerweise an Zeppelins Going To California erinnert. Vielleicht sehe ich bei beiden Liedern im inneren Auge eine wunderhübsche Frau mit einer Blume im Haar auf einer Wiese sitzen. Harlequin ist sehnsüchtig, wehmütig, folkig, zerbrechlich, schlicht wunderschön. Gabriel und Collins tragen es beinahe wie ein Kinderlied vor und Gabriels Gedicht ist einfach herrlich:

„Came the night a mist dissolved the trees

And in the broken light colours fly, fading by.

Pale and cold as figures fill the glade

Grey is the web they spin, on and on, and on and on.“

 

Der letzte Track, The Fountain Of Salmacis, ist nun neben The Musical Box das zweite große Meisterwerk von Nursery Cryme. Es handelt sich um eine Vertonung der Sage von Hermaphroditus und Salmacis, und wenn man sich diesen Text mal durchliest, erkennt man schon hier Ähnlichkeiten zu späteren Abenteuern eines gewissen Raels: Ein schimmernder See, Nymphenfrauen, Gefangene und Retter. Die Worte, die Gabriel wählt, sind natürlich auch hier wieder genial:

„ A shadow in the dark green depths

Distrubed the strange tranquility.“

Oder:

„He turned and saw her, 

In a cloak of mist alone

And as he gazed, her eyes were filled 

With the darkness of the lake.“

 

Die Musik dazu ist ebenfalls grandios. Man hört anschwellende Mellotronteppiche, Orgelarpeggien, wie aus einer anderen Welt. Collins spielt geschickt mit Ghost Notes und variabler Beckenarbeit. Im Refrain übernimmt er die Rolle des Erzählers und singt mit Gabriel gleichzeitig zwei verschiedene Verse, die sich allerdings immer sehr ähnlich anhören:

„Where are you my father“ und „Then he could go no farther“

Oder

„Give wisdom to your son“ und „Now lost, the boy was guided by the sun.“

 

Der ganze Song ist bombastisch, hymnisch, mystisch und einfach grandios komponiert. Er reicht vielleicht noch nicht an die Komplexität oder Ausgeklügeltheit eines Firth Of Fifth heran, weiß aber mit wunderbaren Melodien, instrumentalen Achterbahnfahrten und tollen Soloparts, sowie mit dem sehr genialen Text zu überzeugen. Musik und Inhalt harmonieren dabei äußerst gut, wie beispielsweise an einer Stelle, wo gesungen wird „Unearthly calm descended from the sky“ und im Hintergrund singen mehrere Stimmen eine abfallende Linie.

Das Finale ist dann erhaben und leicht rätselhaft:

„Both had given everything they had.

A lover's dream had been fulfilled at last, forever still beneath the lake.“

 

Wer weiß, ob die beiden sterben mussten, um vereint zu sein. Musikalisch wird der Song mit großer Geste zum Schluss gebracht, wobei Steve Hackett die Gitarre noch mal ein bisschen singen lassen darf. Auch hier wieder: großes Kino.

 

Damit wird Nursery Cryme würdig und triumphal beendet. Es findet sich kein wirklicher Ausfall auf diesem Album, dennoch erreichen Banks und co. mit den vorliegenden Stücken noch nicht die Finesse und Genialität, die sie später mit noch größeren Werken wie Dancing With The Moonlit Knight, Can-Utility & The Coastliners oder Mad Man Moon beweisen. Trotzdem enthält dieses Album zwei unvergleichliche Klassiker (The Musical Box, The Fountain Of Salmacis), von denen man nie im Leben erwartet, dass sie von ein paar 20 bis 21-Jährigen stammen, nebst zwei wunderbarer Akustikballaden (For Absent Friends, Harlequin), einem Mellotron-Bombaster (Seven Stones), einer 3-Minuten-Parodie ihrer selbst (Harold The Barrel) und einem Heavy-Progger (The Return Of The Giant Hogweed). Und das alles komprimiert in 39 Minuten. Abgerundet wird das Album durch ein äußerst makaberes Gemälde als Cover, scheinbar eine Illustration von The Musical Box, auf welchem unter anderem Cynthia zu sehen ist, wie sie Croquet mit mehreren Köpfen (!) spielt. Ausschnitte aus diesem Bild sind übrigens auch auf dem Cover von Foxtrot zu sehen. Damit haben wir mit Nursery Cryme ein absolut superbes, typisches Genesis Album der Frühphase vor.

Umso schwerer ist zu glauben, dass die fünf Recken sich noch um einiges steigern sollten.

Und umso trauriger ist es, dass die fünf Recken keine vier Jahre mehr den selben Weg gehen sollten.

 

Bewertung: 

Vergleichbar mit: 

Genesis im Gabriel-Zeitalter mit Bombastfieber

 
 
 
 

 

Kommentare

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